Ausstellungen sacral

1989/1990
La Nativité du Seigneur

Franz Hitze Haus und Überwasserkirche, Münster – Reichsuniversität, Groningen ( NL) – Grote Kerk, Leeuwarden (NL) – Hospitalhof, Stuttgart – Christuskirche Fulda

Farbe und Klang – Musik und Malerei…
… sind verschiedene Weisen des künstlerischen Aus­drucks, »Synästhesie« meint die Vorstellung, daß sich Empfinden und Denken in unter­schiedlichen künstlerischen Medien zugleich objektivieren kann. Die Ausstellung der Bilder von Johann P. Reuter zu Olivier Messiaens Orgelzyklus »La nativite du Seigneur« zeigt Gemälde aus musikalischer Inspiration und ermöglicht dem Betrachter synästhetisches Erleben zweier Medien ganz unterschiedlicher Künstler zu dem einen Thema der Inkarnation des Logos. Die Bilder werden zunächst in Münster, im November/Dezember in den Niederlanden, in Groningen, Leeuwarden und Utrecht, und zu Beginn 1990 im Hospitalhof Stuttgart gezeigt. Die Ausstellung ist somit nicht nur grenzüber­schreitend angelegt, sondern setzt durch ihre Präsentation in katholischen, reformierten und lutherischen Institutionen auch ein öku­menisches Zeichen.

Dr. Thomas Sternberg, Katholisch – Soziale Akademie FRANZ-HITZE‑HAUS, Münster, Dr. Regnerus Steensma, Institut für Liturgiewissenschaft, Reichsuniversität Groningen, Pfarrer Helmut A. Müller, Evang. Bildungswerk Stuttgart Hospitalhof Stuttgart

Das Gespräch findet in der Wohnung Reuters statt, an den Wänden die Malereien des Zyklus »La nativité du Seigneur« und durch die Fenster hat man Aussicht auf das wunderschöne Oberbergische Land, östlich von Köln. Johann P. Reuter lässt die Musik Messiaens spielen, die in der Kathedrale von Beauvais aufgenommen wurde. Während wir in die Malereien und die Landschaft versunken sind und der Musik zuhören, die manchmal hart, dann wieder mysteriös, sacht, aber immer überwältigend ist, verlieren wir uns in unsere Träume und das Gespräch stockt dann. Wir lassen uns von der Musik tragen und stellen uns vor, wie schön, ja wie großartig es sein müsste, dieses in einer mittelalter‑. lichen Kathedrale erleben zu können Es war dieselbe Erfahrung, die Johann P. Reuter zum Malen dieses Zyklus inspirierte: »Ich habe diese Musik konzentriert gehört, habe mich von ihr durchdringen lassen, mich in sie versenkt. Ich habe ihre Wärme durch meinen Körper strömen lassen und versucht, dieses Gefühl bildnerisch umzusetzen.«Die Musik weckte in ihm ein warmes Gefühl, ein Gefühl der Geborgenheit, des »Wohl-Seins«. Er beschäftigte sich schon in früheren Jahren mit der Transzendentalen Meditation. »Musik weckt oft ähnliche Regungen in mir, über die Musik, wie die von Olivier Messiaen, Arvo Pärt oder auch Anton Bruckner, bekomme ich Zugang zu einer höheren Ebene. Malen ist für mich eine andere Form des Gebets oder der Meditation. Es gibt mir das Gefühl Gott nahe zu sein. So hofft Reuter, dass sein Bilderzyklus, ausgestellt in einem sakralen Raum, bei dem Rezipienten ein ähnlich meditatives Gefühl evoziert.
Diese Empfindung kann entstehen, wenn man eine Beziehung mit der Farbe und der Form eingeht, sich dafür öffnet. Erweist nachdrücklich darauf hin, dass es ihm nicht um eine bestimmte Vorstellung geht, sondern um eine Erfahrung, um ein  „Er-leben“.
Malerei mit Worten erklären zu wollen, findet er absurd, denn die Malerei ist dazu fähig, schneller als die Schrift, geistige Bewegung direkt zu übersetzen und sie somit augenblicklich festzuhalten. »Die Malerei beginnt dort, wo die Worte ihr Spiel aufgeben.« Reuter schuf mit seinem Zyklus keine Illustration zu »La nativité . . . «, die neun Meditationen müssen als Gesamtwerk betrachtet werden, als Summe von Empfindungen. Die Reihenfolge und die Anordnung der Bilder sind also nicht inhaltsbezogen.
Reuter verwendete meist Erdfarben, wie roten Ocker, Brauntöne und Oxydrot. Mit Graphit und Acrylfarbe wurde Zeichnung einbezogen. So sind auf den Bildern Kreuzzeichen, Kirchenfenster, Dreiecke und, andere Zeichen und Symbole zu entdecken. Die Farben sind in ihrer Intensität unterschiedlich. Dunkle und hellere Arbeiten mit ihrer jeweiligen Binnenzeichnung spiegeln den Rhythmus der Musik wider.
Eines der Bilder weckt durch einen horizontalen Teil quer auf einem vertikalen Teil die Suggestion eines Kreuzmodells, wie wir es ähnlich in einer Arbeit Arnulf Rainers antreffen. Die Farben gehen von sehr dunkel mit Schwarz und Braun von einem helleren Teil über in Dunkelrot. Reuter: >,Die Farben brannten hier wie Feuer, wie warmes strömendes Blut.« In einem anderen Bild schimmert das rohe Leinen in der Form eines Kreuzes durch die Farbfläche hindurch. Hier ist das Kreuz sehr zart auf den Malgrund gesetzt worden: Nur bei genauem Hinsehen kann man es erkennen. Es lässt an das Kreuz denken, welches auch bei »Blut und Tränen 1 «‘ einer früheren Arbeit Reuters, vorhanden ist.
Mit diesem neunteiligen Zyklus nach der Orgelmusik Messiaens, hat Reuter die Linie fortgesetzt, die sich durch die letzten Jahre seines Schaffens zog: Lyrische Abstraktion mit Nachdruck ‚ auf das totale Farbenbild, weniger direkt, mehr zurückgezogen, meditativ. In Reuters Entwicklung ist dieses Werk ein wichtiger Meilenstein.
Regnerus Steensma



1990
Sende dein Licht

Universitätsmuseum, Marburg
Das Bild als Meditationsobjekt
Forum zum Thema:
„Kunst und Kirche“
beim Landeskirchentag Marburg von Nicola Hille, Marburg.

 

Anläßlich des Landeskirchentages fand in Marburg ein Forum über „Die Bedeutung von Bildern für die christliche Botschaft“ statt.
Den zentralen Vortrag hielt Professor Horst Schwebel, Leiter des Institutes für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart.
Er redete darüber, „wie Kunst und Religion zusammenpassen. Wie Schwebel betonte, werden Bilder immer noch als Exotikum verstanden, wenn es um das Verhältnis von Kunst und Kirche geht. Daß dieses Verhältnis nie ungetrübt war, zeigte er anhand von Rückblicken in die Vergangenheit. Im Bilderverbot durch die christliche Kirche im Mittelalter drückte sich das Konkurrenzverständis aus.
Die Kirchenoberen hatten erfahren, welche entscheidende Wirksamkeit Bilder besitzen können. Auch der Bildersturz offenbarte die tiefe Skepsis der Kirche gegenüber dem Bild als Verkündigung: Das Bild gefährde die rechte Lehre durch Freisetzung der Phantasie, ar­gumentierten die Verantwortlichen der Kirche gegen die Künstler. Wie Schwebel erläuterte, sind seit der Renaissance die Künste aus der Kirche ausgebrochen und haben eine neuartige Autonomie erlangt. Schwebel nannte die Angst vor Bildern, die sich erstmalig im Bilderverbot artikulierte, als bleibenden Faktor für den heutigen Umgang der Kirche mit Bildern nennt.
Wie kann das Defizit an sinnlicher Erfah­rung in der Kirche aufgehoben werden? In seinem Diavortrag zeigte der Marburger Professor Bilder, in denen die Landschaft als Ort der Religion entdeckt wird. So findet der Betrachter in Caspar David Friedrichs „Kreuz im Gebirge“ kein klas­sisches Altarbild wieder, sondern eine Landschaft, die den Ort der Andacht einnimmt. Auch bei Vincent van Gogh zeigt sich die Religiosität in der Landschaft. Die innere Ausein­andersetzung mit Glaubensfragen führte bei van Gogh nicht zu einem Christusbild, sondern zur Begegnung mit der Land­schaft, die mit spiritueller Kraft geladen ist.Doch welche Bedeutung für die christliche Botschaft liegt in diesen Bildern?
Laut Schwebel wird dort eine eigene Ord­nung erstellt. Das Bild wird zum Meditationsobjekt, dessen Entstehung oftmals bereits einem meditativen Vorgang un­tersteht. Kunst als Konkurrenz zur biblischen Botschaft? Beim Künstler Johann Peter Reuter, der aufgefordert wurde, zum Kirchentag einen Bildzyklus unter dem Thema „Sende dein Licht“ zu schaffen, steht die Meditation im Vordergrund. Die Erwartung von hellen, leuchtenden Bildern erfüllte Reuter nicht. Sein Bilderzyklus ist schwarz. Nachtbilder. Schlaflose Nächte. Dämmerzustand.
Die Bildlinien führen ins Sprachlose. Es ist dies der Versuch, das Nichtsagbare auszudrücken. Leise Musik ertönt im Hintergrund zu der Ausstellung „La nativite du Seigneur.“Zyklus nach den neuen Meditationen für Orgel von Oliver Messiaen. Zu sehen sind keine „festen Bilder“, sondern Formen, die im Entstehen begriffen sind. Kunst kann nur in Konkurrenz zu Glaubensinhalten treten, so Schwebel, wenn sie das Nichtsagbare malt. Doch können „Wallfahrten“ zur Kunstausstellung Documenta oder die Betreibung von „Starkulten“ eines Andy Warhol oder Joseph Beuys wirklich den Gang in die Kirche ersetzen? Im Anschluß an die Vorträge gab es Gelegenheit zur Diskussion in dreifacher Hinsicht: Kulturort Museum, Kunstort Kirche und Kunst im Gottesdienst waren die Themen.



1994/95 Die Stille der Bilder
Bergkirche,
Worms-Hochheim

Der Maler stammt aus Schwerte im Ruhrtal. Dort ist der Himmel blauer, als Fremde wahrhaben wollen, Ruß und milchiges Grau aus dem Pott mögen sich einmischen. In Schwerte wurde von altersher Eisen geschmiedet. Grelle Funken blitzen durch die Nacht der Werkshallen. Selbst auf nüchternen Industriefotografien gerinnt diese Atmosphäre zu skurriler Abstraktion. Solch sinnliche Erfahrung könnte Erinnerungsfetzen hineingewirkt haben in die Arbeiten von Johann P. Reuter. Die Stille der Bilder“ heißt seine Ausstellung, die im Kirchenraum von St. Peter in Hochheim, aufgesucht an einem dämmerlichtigen Mittag, ihr gemäßes Umfeld findet. Reuter malt, was ihm Meditation eingibt. Meditation entzieht sich der Verbalisierung „Die Malerei beginnt, wo Worte aufhören‘ hat er in einem Interview selbst erklärt. Worte-Sucher, die sich in zwei Katalogen, aufgelegt im Kirchenraum, äußern, retten sich rasch in Philosophisches, literarische Zitate, Metaphysik der Farben, die der Maler bevorzugt. Interpretation also könnte nur ins Zwielicht des Missverständnisses führen, vor den stillen Bildern muss jeder für sich hellsichtig werden, seine eigene Wahrheit finden. Sinnende Betrachtung braucht sich nicht an Gegenständliches zu klammern, darf ohne äußere
Wegweisung in die Tiefe hinter den Dingen dringen und sich doch wieder überraschen lassen von der Andeutung einer Hand, eines fliehenden Körpers, eines Tierkopfes, karge diesseitig Chiffren nur vor dem transzendenten Geheimnis, in Strichen eingeritzt, als flüchtige Schattierung wahrnehmbar, durch einen Lichtfleck suggeriert
Die Form des Kreuzes taucht au an dem Jesus starb, in Konturen nu oder in plastischem Balkeneffekt sehr licht in der Mitte des Tryptichons hinter dem Altar. Geometrische Formen deuten sich an, nie konstruiert, eher verzerrt, in Auflösung begriffen. Dreidimensional gerahmte Blöcke täuschen Stabilität vor, ohne das Fragmentarische zu leugnen, gleichsam letzte Mäler eines unbehausten Ortes. Bilder, hälftig zusammengefügt, vermitteln ein Gefühl von Ausgewogenheit. Eine Art Waage probt die Balance, Gewichtung wird wichtig. Wachstum ragt auf, human oder floral, bald kraftvoll, bald fragil, wie schwarz verkohltes Holz sich krümmend. Beherrschend wirken die Farben oft vom tiefgründigen Blau in Dämmerung und Finsternis wie ins Luzide spielend. Breite pastose Pinselstriche bringen Vitalität ein. Oberflächen erscheinen reliefartig verändert. In glatten monochrome Grund hat der Maler Linien gravier die sich, verknotend, treffen, zu einem Tiefpunkt einkerben und wieder verzweien. Begegnung und Trennung? Aber vielleicht ist alles ganz anders gedacht. Und darf doch neu empfunden werden. Pfarrer Dietrich Kastner hat einem Künstler und den Besuchern der Bergkirche wieder die Chance zum Auseinandersetzen und Zueinanderfinden geboten.


Les Corps Glorieux
1998 Projektförderung „Les Corps Glorieux“ durch die Medienzentrale der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
Marktkirche, Hannover – Petrikirche, Cuxhaven – Jacobikirche, Göttingen – Luth. Pfarrkirche St.Marien, Marburg – Melanchtongemeinde, Bochum – Stiftskirche, Loccum – St. Pankratius-Kirche, Gütersloh – Bergkirche St. Peter, Worms – Auferstehungskirche Mainz – Sankt Katharinen, Oppenheim – St.Michaelis, Hildesheim.


MISSA
Eglise lutherienne des Billettes, Paris 4e. – Eglise réformeé de Vincennes –
Eglise catholique Notre Dame de Penteccte, la Défense. (F)
Temple d’Enghien-les-Bains – Enghien-les-Bains (F) – Liebfrauenkirche Frankenberg.

 

 


Ausstellungsbeteiligungen

DIE ANDERE EVA
Kunsthalle,Darmstadt – Gerhard Marcks Haus, Bremen – Frauenmuseum, Bonn – Diakonieverein, Wehr-Öflingen – Kulturzentrum b. d. Minoriten, Graz.

ECCE HOMO
Brüderkirche, Kassel – Groote Kerk, Leeuwarden (NL) Stuttgart, Graz, Hannover.

SCHÖPFUNG ZWISCHEN UNTERGANG UND NEUER WELT – Pforzheim, Lörrach, Karlsruhe, Mannheim; Fellbach, Backnang, Waiblingenu. a. O.

DAS KREUZ ALS ZEICHEN
Hospitalhof, Stuttgart.