2008 – T² – Zyklus
(Teequadrate)

Formel des Augenblicks

Es soll Menschen geben, die eine besondere Meisterschaft entwickeln: das Sammeln von Augenblicken. Ein schier unüberschaubares Sammelgebiet, bei dem es einiger Erfahrung bedarf, um nicht den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Die größten Kenner schaffen es sogar, dort die schönsten Augenblicke zu finden, wo niemand anderes sucht. Wenn sie aber erst einmal gefunden sind, werden sie für jeden sichtbar.
Das Fundstück finden zu können ist vielleicht ein besonderes Privileg der Kunst. Wie das Kind, das in der Sage vom Golem die Blume vom Boden hebt, ohne zu wissen, dass es den Schlüssel zur Zeit in der Hand hält, verwandelt die Kunst das unerwartete Fundstück zum Wächter des Augenblicks. Oft sind es nicht die großen Weltgemälde, die uns berühren, sondern die kleinen Kammerstücke.

Mit seinem T²-Zyklus öffnet Johann P. Reuter eine Art Buch der Augenblicke. Die Serie dieser berückenden Miniaturen zeigt in der strengen Form kleiner Quadrate ganze Topographien: Landschaften und Lebensmomente, die uns auf den ersten Blick vertraut sind, vergessene Gefühlswelten und Orte einer tiefen Erinnerung.
Jedes dieser Bilder zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Das kleine Format zwingt uns, gewissermaßen Auge in Auge, das Spiel von Farbe und Materialität zu betrachten, das die Einzigartigkeit dieser Gemälde ausmacht – eine ganz andere Betrachtungsweise als etwa bei den drei Meter messenden Bildkörpern des Messiaen-Zyklus „Les Corps Glorieux“, oder der ebenfalls musikinspirierten Bildreihe „Missa“, die als Schlüsselwerke für den Zugang zu Johann P. Reuters Kunst gelten.
Beim Betrachten der kleinen Arbeiten passiert etwas Ungewöhnliches. Das Auge will hier eher tasten als blicken und ordnen, sind doch durch die lasierende Oberflächen schmal geschnittene Blätter sichtbar, die von feinen Farbsäumen umgeben sind. Nach einigen Augenblicken wird klar, dass hinter dem Namen „T²“ ein Programm steht: es ist ein Grund aus Tee, der hier bildhaft zur Formel des Augenblicks wird. Das Wortspiel verweist auf die Zweckfreiheit der kleinen Quadrate. In diesem Sinne ist die T²-Serie ein Kontrapunkt, mit dem Johann P. Reuter einen neuen Blick auf sein Werk öffnet. Jenseits aller Bedeutungszusammenhänge und Inhalte ist Kunst einfach nur Kunst, nicht mehr und nicht weniger.