JOHANN P. REUTER
Kunst und kunstverwandtes
im sacralen Raum

LA NATIVITÉ DU SEIGNEUR

Farbe und Klang - Musik und Malerei...

... sind verschiedene Weisen des künstlerischen Aus­drucks, »Synästhesie« meint die Vorstellung, daß sich Empfinden und Denken in unter­schiedlichen künstlerischen Medien zugleich objektivieren kann. Die Ausstellung der Bilder von Johann P. Reuter zu Olivier Messiaens Orgelzyklus »La nativite du Seigneur« zeigt Gemälde aus musikalischer Inspiration und ermöglicht dem Betrachter synästhetisches Erleben zweier Medien ganz unterschiedlicher Künstler zu dem einen Thema der Inkarnation des Logos. Die Bilder werden zunächst in Münster, im November/Dezember in den Niederlanden, in Groningen, Leeuwarden und Utrecht, und zu Beginn 1990 im Hospitalhof Stuttgart gezeigt. Die Ausstellung ist somit nicht nur grenzüber­schreitend angelegt, sondern setzt durch ihre Präsentation in katholischen, reformierten und lutherischen Institutionen auch ein öku­menisches Zeichen.


Dr. Thomas Sternberg, Katholisch - Soziale Akademie FRANZ-HITZE‑HAUS, Münster
Dr. Regnerus Steensma, Institut für Liturgiewissenschaft, Reichsuniversität Groningen
Pfarrer Helmut A. Müller, Evang. Bildungswerk Stuttgart Hospitalhof Stuttgart


Das Gespräch findet in der Wohnung Reuters statt, an den Wänden die Malereien des Zyklus »La nativité du Seigneur« und durch die Fenster hat man Aussicht auf das wunderschöne Oberbergische Land, östlich von Köln. Johann P. Reuter lässt die Musik Messiaens spielen, die in der Kathedrale von Beauvais aufgenommen wurde. Während wir in die Malereien und die Landschaft versunken sind und der Musik zuhören, die manchmal hart, dann wieder mysteriös, sacht, aber immer überwältigend ist, verlieren wir uns in unsere Träume und das Gespräch stockt dann. Wir lassen uns von der Musik tragen und stellen uns vor, wie schön, ja wie großartig es sein müsste, dieses in einer mittelalter‑. lichen Kathedrale erleben zu können.
Es war dieselbe Erfahrung, die Johann P. Reuter zum Malen dieses Zyklus inspirierte: »Ich habe diese Musik konzentriert gehört, habe mich von ihr durchdringen lassen, mich in sie versenkt. Ich habe ihre Wärme durch meinen Körper strömen lassen und versucht,
dieses Gefühl bildnerisch umzusetzen.«
Die Musik weckte in ihm ein warmes Gefühl, ein Gefühl der Geborgenheit, des »Wohl-Seins«. Er beschäftigte sich schon in früheren Jahren mit der Transzendentalen Meditation. »Musik weckt oft ähnliche Regungen in mir, über die Musik, wie die von Olivier Messiaen, Arvo Pärt oder auch Anton Bruckner, bekomme ich Zugang zu einer höheren Ebene. Malen ist für mich eine andere Form des Gebets oder der Meditation. Es gibt mir das Gefühl Gott nahe zu sein. So hofft Reuter, dass sein Bilderzyklus, ausgestellt in einem sakralen Raum, bei dem Rezipienten
ein ähnlich meditatives Gefühl evoziert.

Diese Empfindung kann entstehen, wenn man eine Beziehung mit der Farbe und der Form eingeht, sich dafür öffnet. Erweist nachdrücklich darauf hin, dass es ihm nicht um eine bestimmte Vorstellung geht, sondern um eine Erfahrung, um ein  „Er-leben“.
Malerei mit Worten erklären zu wollen, findet er absurd, denn die Malerei ist dazu fähig, schneller als die Schrift, geistige Bewegung direkt zu übersetzen und sie somit augenblicklich festzuhalten. »Die Malerei beginnt dort, wo die Worte ihr Spiel aufgeben.« Reuter schuf mit seinem Zyklus keine Illustration zu »La nativité . . . «, die neun Meditationen müssen als Gesamtwerk betrachtet werden, als Summe von Empfindungen. Die Reihenfolge und die Anordnung der Bilder sind also nicht inhaltsbezogen.
Reuter verwendete meist Erdfarben, wie roten Ocker, Brauntöne und Oxydrot. Mit Graphit und Acrylfarbe wurde Zeichnung einbezogen. So sind auf den Bildern Kreuzzeichen, Kirchenfenster, Dreiecke und, andere Zeichen und Symbole zu entdecken. Die Farben sind in ihrer Intensität unterschiedlich. Dunkle und hellere Arbeiten mit ihrer jeweiligen Binnenzeichnung spiegeln den Rhythmus der Musik wider.
Eines der Bilder weckt durch einen horizontalen Teil quer auf einem vertikalen Teil die Suggestion eines Kreuzmodells, wie wir es ähnlich in einer Arbeit Arnulf Rainers antreffen. Die Farben gehen von sehr dunkel mit Schwarz und Braun von einem helleren Teil über in Dunkelrot. Reuter: >,Die Farben brannten hier wie Feuer, wie warmes strömendes Blut.« In einem anderen Bild schimmert das rohe Leinen in der Form eines Kreuzes durch die Farbfläche hindurch. Hier ist das Kreuz sehr zart auf den Malgrund gesetzt worden: Nur bei genauem Hinsehen kann man es erkennen. Es lässt an das Kreuz denken, welches auch bei »Blut und Tränen 1 «' einer früheren Arbeit Reuters, vorhanden ist.
Mit diesem neunteiligen Zyklus nach der Orgelmusik Messiaens, hat Reuter die Linie fortgesetzt, die sich durch die letzten Jahre seines Schaffens zog: Lyrische Abstraktion mit Nachdruck ' auf das totale Farbenbild, weniger direkt, mehr zurückgezogen, meditativ. In Reuters Entwicklung ist dieses Werk ein wichtiger Meilenstein. 

Regnerus Steensma 

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