JOHANN P. REUTER
Kunst und kunstverwandtes
im sacralen Raum

LES CORPS GLORIEUX

Annäherungen
Klaus Hoffmann

Eine Installation aus 7 Farbkörpern hat Johann P. Reuter zu Olivier Messiaens 7‑teiligen Orgelzyklus LES CORPS GLORIEUX (Die verklärten Leiber) geschaffen. Malerei trifft auf Musik, Farbe auf Klang. Für den Komponisten Messiaen, der der Musik neue Dimen­sionen von Ausdrucksmöglichkeiten hinzugewonnen hat, war »Klangfarbe« nicht nur eine Metapher. Er ordnete Tonkomplexen Farben zu und assoziierte Harmonien mit überaus komplexen Farb­kombinationen. Wenn er Musik hörte oder las, sah er Farben vor seinem geistigen Auge. »Die Farbenmusik aber bewirkt, was Glas­fenster und die Rosetten des Mittelalters bewirken: Sie führt uns zum Geblendetsein. Sie spricht unsere vornehmsten Sinne an, das Gehör und das Auge, und sie bewegt zugleich unsere Sensibilität, reizt unsere Vorstellungskraft, steigert unsere Intelligenz und leitet uns an, unsere Begriffswelt zu überwinden, uns dem zu nähern, das über dem logischen Denken und der Intuition angesiedelt ist, nämlich dem Glauben.«
Johann P. Reuter hat sich schon 1989 von Messiaens Orgelwerk LA NATIVITE DU SEIGNEUR (Die Geburt des Herrn) anregen lassen und einen 9‑teiligen Bilderzyklus geschaffen.
Die 7 Sätze der Komposition » LES CORPS GLORIEUX« stattet er mit je einem Farbkörper, einer Stele aus, die den jeweiligen the­matischen Abschnitt des Orgelzyklus repräsentiert. In ihrer Größe (3m x 0,75 m x 0,50 m) sind sie unübersehbar dem Betrachter vor Augen gestellt, raumhaltig wie die Musik und präsent in der Körperlichkeit der Farben. Malerei zeigt im Unterschied zur Musik immer alles, alle Formbewegungen und Formverwandlungen gleichzeitig, als Zustand und nicht im zeitlichen Ablauf. Reuter gelingt jedoch mit der Reihung der Stelen, deren Farben zugleich da sind und doch immer auch entstehen, die Bestand haben und sich doch ununterbrochen verändern, etwas Geschehnishaftes, Prozeßhaftes zu erreichen.

Das prozeßhafte Werden der Farbe kann man nachempfinden, und das betrachtende Auge wird zu immer neuen Entdeckungen vorangetrieben. Seine Farbsprache entsteht immer neu und hält nicht nur Informationen bereit, die von der Musik vorgeben sind. Er will uns nicht visuell durch die Themen des Orgelzyklus führen, er setzt auch nicht die Gefühls­tonlagen, die von der Musik erzeugt werden, in Farbdynamisierun­gen um. Er will nicht mit Farben Klänge schaffen, wie auch Mes­siaen mit den Tönen nicht malen will. Die Sprachen der Musik und der Malerei bleiben selbständig und fern von allem Illustrativen. Reuter schlüsselt zu Messiaens Musik die anderen Erlebnis‑ und Erfahrungsbereiche der Malerei auf.

Komponist und Maler engagieren sich an einer gemeinsamen Vision, die sie in unterschiedlichen Medien artikulieren: die Aufer­stehung. Es geht um Visionen über das Sein in der anderen Welt, jenseits der Todesgrenze, um die Körperlichkeit, die Leibhaftigkeit im ewigen Leben.
Musik und Malerei sind hier auf aktives nachvollziehendes Sehen und Hören angewiesen und auf innerliches Vollziehen, auf die Entdeckung der Bilder hinter den Bildern. Was der Betrachter sieht und hört, ist nicht das, was ihm vor Augen steht oder zu Ohren kommt, sondern was beim Sehen und Hören als Erfahrung in ihm entsteht.
Reuters Malerei ist Teil der modernen Kunst, die es mit Bewe­gung, Dynamik und Durchgängen zu tun hat. Es geht also nicht um fertige Antworten, Lehrsysteme und Dogmatiken, sondern um das freie Zusammenspiel mit den Ideen und Materialien, den For­men, Tönen und Farben des Kunstwerks und denen, die sie be­trachten und hören. In ihren Sinnen, ihren Augen und Ohren ent­steht der Sinn . Nicht um Feststellungen kann es gehen, sondern um Annäherungen unseres Sehens und Hörens.
»Die Kunst kann immer nur eine solche Bewegung der Annä­herung ausdrücken zu dem, was wir nicht benennen und nicht anschauen können«, sagte Erich Franz, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster. Er hält es für eine Verwechselung zwischen Ziel und Weg, wenn Kirchen versuchen, das Christliche in der Kunst mit den abgrenzbaren und christlich definierbaren Motiven festzulegen. Es könne nicht um biblische Figuren in ihrer konventionellen Wiedererkennbarkeit gehen, sondern um die Ge­staltung unseres aktiven Sehens. Ernst zu nehmen sei zweierlei: der Weg des Bildnerischen (also die Eigenwertigkeit gestalterischer Aussage) und das Ziel jenseits dieses Bildnerischen. »Die soge­nannte und leider weit verbreitete Kirchenkunst sucht tatsächlich das Ziel im Bild, im bloßen Wiedererkennen des vorher bereits Gewußten. Sie hängt damit einer Vorstellung der Identität von Sichtbarkeit und Wirklichkeit an, an die heute kein Mensch mehr glaubt, und verliert vor allem jene Dynamik, die das Bildnerische als eigene Ausdrucks‑ und Erkenntnismöglichkeit erzeugen kann. Die sogenannte Kirchenkunst ist tatsächlich eine leblose, bewe­gungslose Kunst ‑ ohne Herausforderung ‑ es sei denn durch ihre mal bescheidene, mal dreiste Beschränktheit.«
Messiaen und Reuter sind Künstler, die autonom mit ihren musikalischen und bildnerischen Ausdrucksmöglichkeiten umge­hen und nicht vor Herausforderungen an unsere gewohnte Art der Wahrnehmung zurückscheuen. Sie bringen ihre eigene Sprache und Gestalt mit und dienen sich der kultischen Sprache der Kirche nicht an. Sie sind Beispiele dafür, daß auch heute die autonomen Künste in der Kirche ihren Ort haben »zur freien Betrachtung und zur Kontemplation, die der Seele zum Atmen verhilft« (Volp).
Die Ausstellung und die Musik » LES CORPS GLORIEUX« wird in vielen Kirchen gezeigt werden: in Cuxhaven, Göttingen, Marburg, Karlsruhe, Bochum, Loccum, Mahensee (Kloster). Weitere werden hinzukommen.
Es ist ein Projekt nicht nur für Liebhaber der Malerei, sondern auch für Freunde der Musik. Wie die vorangegangene Ausstellung »Orte der Stille«, mit Bildern von Ricardo Saro und Skulpturen von Hartmut Stielow, die in 8 Kirchen in Deutschland und in Istanbul gezeigt wurde, ist es ein Angebot der Medienzentrale der EvAuth. Landeskirche Hannovers an die Gemeinden, an dem notwendigen Dialog zwischen zeitgenössischen Künsten und der Kirche teilzu­haben und zu entdecken, daß die Sprache und die zeitgenössische Welterfahrung der Kunstwerke die Bewegung und Annäherungen an religiöse und kirchliche Sinnvorstellungen befördern können.

 

 

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