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Im Fluss der Zeit

Kreuze von Johann P. Reuter

Die Arbeiten des Malers Reuter bewegen sich jenseits von Figürlichkeit und Gegenständlichkeit. Für ihn erfolgte die Entwicklung zur Abstraktion aus dem Surrealen. Zu Beginn seiner malerischen Laufbahn entstanden Bilder mit erkennbaren Figuren und Gegenständen. Doch es waren Orte und Figuren, die es so in der Wirklichkeit nicht gibt. Was den Künstler interessierte, war schon damals, etwas jenseits der realen handgreiflichen Welt zu zeigen. Er wollte in einen Bereich der Imagination gelangen, der hinweist auf die Zonen menschlichen Bewusstseins, die nicht abbildbar, nicht beweisbar, aber nichtsdestoweniger wirkmächtig vorhanden sind. Dazu gehört das objektiv nicht fassbare Empfinden von Raum und Zeit. Orte und Zeiten bedeuten im Werk dieses Künstlers anderes, als Koordinaten erfassen und Uhren messen können.

Die Zeit ist etwas, dem man nicht gegenübertreten, dessen man nicht wirklich habhaft werden kann. Die Orte, um die es dem Maler geht, sind solche des inneren Erlebens. Jeder Mensch hat diese Empfindungsbereiche in sich, die aber unverfügbar bleiben und in der Flüchtigkeit der Zeit treiben. Sie sind nicht dingfest zu machen, sind „Orte zwischen Zeiten“, wie der Künstler einen seiner Werkzyklen nannte.

Seine Werke entstehen mit und aus der Musik. Durch sie kann die Zeit ein Gesicht bekommen, sie macht etwas aus ihrer Gleichgültigkeit und sie lässt Räume in uns entstehen. Die Musik ist das Lebens- und Schaffenselixier dieses Malers, mit ihr betritt er seine Bildwelt. Manchmal wird eine Musik explizit zum Thema, so in dem Stelenzyklus „Les Corps Glorieux“ und in den Bildern „La Nativité du Seigneur“, beides Werke zu Kompositionen von Olivier Messiaen. Implizit ist die Musik in allen Arbeiten Johann P. Reuters vorhanden. Man kann sagen, dass der religiöse Impuls für diesen Künstler von der Musik ausgeht.

Reuter verarbeitet seine musikalischen Erlebnisse in Werkreihen, die durch einen jeweils dominierenden Farbwert geprägt werden. Format, Malgrund, Binnenzeichnung unterstreichen den Bedeutungshorizont, den die jeweilige Farbe eröffnet. In allen Werkphasen, so unterschiedlich im atmosphärischen Charakter sie sein mögen, gibt es immer wieder die Form des Kreuzes. Das Kreuz ist die große Einzelthematik des Altarbildes der evangelischen Kirche in Lollar mit seinen geisthaft fliegenden Gewandkreuzen. Ein anderes Beispiel ist das Triptychon für die Evangelische Diakonie in Weilburg mit einer gestischen, expressiven Verschränkung der Formen Kreuz und Dornenkrone.

Das „Krakauer Diptychon“ (siehe Abb.) ist Teil einer Werkreihe aus dem Jahr 2002. Grauwerte, weiß und schwarz, sowie pastellig durchscheinende Farbtöne geben dieser Arbeit ihre immaterielle Anmutung. Es entsteht eine diffus verschwimmende Räumlichkeit - ungreifbar, nah und fern zugleich, sich entziehend. Man könnte Arvo Parts „Tabula Rasa“ in diesem Bild hören.

Die Kreuzform hier, genauer - ein Kreuz in zwei wechselnden Stadien -, ist von bescheidener Dimension im Verhältnis zum Bildganzen. Sie dominiert nicht und zieht doch die Aufmerksamkeit auf sich. Neben ihr tauchen aus den Farbgründen auf oder bewegen sich darüber hin andere Chiffren, teils wie Hieroglyphen, teils wie ein flüchtiger Abdruck. Sie scheinen zu trudeln, auf und ab zu schweben wie in den Fluss der Zeit hineingeworfen, an keinem Ort verankert. Es gibt Versuche, dem Beweglichen und Entschwindenden  einen  Halt zu  geben.  Balken,  Streifen, Horizontale und Vertikale greifen in den Farbraum ein, legen sich über ihn, begrenzen ihn, verklammern ihn. So auch die Kreuzform. Trotzdem bleibt der Eindruck des unaufhaltsamen Fließens gewahrt. Es wirkt, als habe der Künstler in die große Gleichgültigkeit der Zeit, in ihr endloses Dahinströmen eine Spur eingeschrieben und sich dabei der Kraft dieses Symbols versichern wollen. Vielleicht ist es eine rettende Boje. Es ist leicht und nicht schwer, mal fällt es, mal steigt es. Es ist beweglich. Es gehört eher zum Schweben als zum Geerdetsein. Kein Leidenssymbol, kein. Siegeszeichen - aber vielleicht eine Markierung, die vor dem Verlorengehen rettet.

Claudia Breinl