MISSA

2004 – MISSA
Zyklus bestehend aus 6 Arbeiten im Format 140 x 140 cm
(im Besitz der Ev. Kirche in Hessen u. Nassau)

KYRIE – GLORIA – CREDO – SANCTUS – BENEDICTUS – AGNUS DEI
Acryl auf Leinwand – je 140 x 140 cm – 2004

„Missa“ – Klang und Abstraktion
Ein Bilderzyklus des Malers Johann P. Reuter in drei Pariser Kirchen.

Zu Messiaens Orgelwerk „Les corps glorieux“ entstand 1998 ein monumentales Stelenarrangement des Malers Johann Peter Reuter. Es wurde in mehreren Kirchen Norddeutschlands gezeigt. Das Projekt verlangte, die zugrunde liegende Musik der Kunst zur Seite zu stellen. So ergab sich eine Synthese zwischen einer zeitgenössischen Kunstintervention im Kirchenraum und einem anspruchsvollen musikalischen Begleitprogramm moderner Kirchenmusik. (Das Stelenprojekt konnte durch Kooperation des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart, Marburg mit der Arbeitsstelle für Medien, Kunst, Kultur in Hannover und der Unterstützung der Hans-Lilje-Stiftung verwirklicht werden.)
Dank des begleitend dazu herausgegebenen Kataloges wurde Dr. Jérôme Cottin, Professor an der Faculté de Théologie et de Sciences Religieuse in Paris, auf diese Arbeiten Reuters aufmerksam. Er sah eine innere Verbindung zur Malerei der lyrischen Abstraktion von Alfred Manessier und  Jean Bazaine, die in Frankreich die religiöse Kunst neu begründet hatten, aber auch zur Tradition großer Orgelmusik in den Pariser Kirchen. Schließlich war Olivier Messiaen, der Lehrer vieler Komponisten des 20. Jahrhunderts, auch 55 Jahre lang Organist  an der Pariser Kirche Sainte Trinité.
Cottin nahm Kontakt mit dem Künstler auf. Dieser hatte gerade sein aktuellstes Werk, den Zyklus „Missa“ in der Akademie für Tonkunst in Darmstadt ausgestellt. Cottin sah die Bilder und war sofort davon überzeugt, sie für Paris haben zu wollen.

In drei Pariser Stadtkirchen, der Eglise luthérienne des Billettes, der Eglise réformée de Vincennes und der Eglise catholique Notre Dame de Pentecote wurde im Sommer 2005 der sechsteilige Bildzyklus „ Missa „gezeigt.
Das Projekt konnte verwirklicht werden durch die Kooperation des Institut des Arts Sacrés der Faculté de Théologie et de Sciences Religieuse und des Institut de Musique Liturgique des Institut Catholique de Paris mit dem Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart, Marburg.

Der Maler Johann P. Reuter verfolgt seit Jahrzehnten eine Methode, die auf seiner besonderen Begabung des synästhetischen Wahrnehmens beruht: Musik erweckt in seinem Kopf ein Spiel von Farben und Formen. Es ist ein intuitives Interagieren, das bei Reuter das Wissen um die Konstruktion und die jeweilige musikalische Charakteristik und Tradition der Werke einschließt. Es wäre also falsch, von einem rein spontanen Zugriff zu sprechen. Es liegt oft eine lange Zeit zwischen dem intensiven und wiederholten Hören bestimmter musikalischer Werke und dem Beginn des Malprozesses. Niemals wird begleitend zur Musik gemalt. Das wird deutlich an der systematischen Ordnung und klaren Strukturierung der Bildzyklen. Dem synästhetischen Erleben folgt eine Phase der intellektuellen Auseinandersetzung, die um den Aufbau und die Strukturen einer Komposition weiß und zugleich das subjektive, emotionale Element des Hörerlebnisses und die inneren Farbwelten als Aura einzufangen sucht.

Ein Schwerpunkt der Auseinandersetzung liegt bei Reuter in der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine besondere Beziehung zum Werk Olivier Messiaens führte ihn 1989 an die geistliche Musik heran und er widmete der Komposition „La nativité du Seigneur“ einen neunteiligen Bilderzyklus, der von warmen schwebenden Farbwolken in Erdtönen geprägt war. Seitdem hat er sich immer wieder mit geistlicher Musik und insbesondere mit Messiaen beschäftigt, in dem er einen Geistesverwandten sieht. Auch Messiaen war ein Synästhetiker, der sich seine Musik in Farben vorstellte.

Im sechsteiligen Zyklus „Missa“ ist es die katholische Messe in ihrer liturgisch-ästhetischen Form, die Johann Peter Reuter zugrunde legt. Die Titel der Werke sind den liturgischen Kernstücken entsprechend gewählt: „Kyrie“, „Gloria“, „Credo“, „Sanctus“, „Agnus Dei“, „Benedictus“. Der Auslöser für die Entstehung dieses Zyklus ist die musikalische Messe im allgemeinen als eine Musik des Glaubens, nicht eine einzelne bestimmbare Komposition. Seit der Gregorianik gibt es eine ununterbrochene Geschichte musikalischer Messen, die immer differenzierter ausgeformt wurden, bis sie im 19. Jahrhundert eher Opern- bzw. Sinfonie-aufführungen glichen. Im 20. Jahrhundert gab es eine Rückbesinnung auf die liturgische Funktion der Messe. Neben Strawinsky, Caplet und Jolivet wäre hier auch Jean Langlais zu nennen, dessen „Missa simplicitate“ für Orgel und Singstimme zur Eröffnung der Ausstellung in der Kirche des Billettes aufgeführt wurde.

In der Struktur des sechsteiligen Zyklus sind Grundprinzipien verwandt, die auch in musikalischer Gestaltung anzutreffen sind, wie Wiederholung, Reihung, Wiederkehr, Variante und Kontrast. Der Aspekt der Wiederholung bringt Ruhe und ein meditatives Element hinein. Obgleich alle Bilder quadratisch sind, entwickeln sie eine Bewegungstendenz in vertikaler Richtung, sei es von oben nach unten oder umgekehrt. Es gibt dunkle und helle Farbwerte, die in Kontrast zueinander gebracht werden, Streifen und Lineaturen, die rhythmisch variieren. Wie bei einer musikalischen Reihung gehen die Teile des Zyklus nicht auseinander hervor, sondern stehen gleichberechtigt nebeneinander. Es gibt jedoch farbliche und formale Verwandtschaften, die einen inneren Bezug der Werke zueinander herstellen. Hat man sich mit dem formal-ästhetischen Prinzip der Werke vertraut gemacht, so entdeckt man eine Art Code in den Linien, Farben und Formen, der es trotz der Abstraktion ermöglicht, eine spirituelle Botschaft zu erkennen und eine Beziehung zu den sechs liturgischen Kapiteln herzustellen, die Thema des Missa-Zyklus sind. Prof. Dr. Jérôme Cottin hat dies eingehend in dem zur Ausstellung erschienenen Katalog getan.

Claudia Breinl