Les Corps Glorieux - St. Michaelis, Hildesheim
St. Michaelis, Hildesheim - Les Corps Glorieux Stelen - Kreuzsculptur: Thomas Duttenhöfer

1998 – LES CORPS GLORIEUX

Zyklus nach dem gleichnamigen Orgelwerk von Olivier Messiaen.
Sieben  bemalte Stelen – 300 x 75 x 50 cm

2019 – St. Ludwig, Darmstadt (in der neuen Fassung als Wandtafeln – stehend)
2018 – Neustädter Marienkirche, Bielefeld (in der neuen Fassung als Wandtafeln)
2010 – St. Michaelis, Hildesheim
2006 – St. Katharinen, Oppenheim
2002 – Auferstehungskirche Mainz
2001 – St. Peter, Worms.
2000 – St. Pankratius, Gütersloh
1999 – St. Marien, Marburg  ::  Stiftskirche, Loccum  ::  Melanchtonkirche, Bochum
1998 – Marktkirche, Hannover  ::  St. Petri, Cuxhaven  ::  St. Jacobi, Göttingen

Johann P. Reuter
„Les Corps Glorieux“
Horst Schwebel  (Katalogauszug)

Johann P. Reuter wählte den Titel von Olivier Messiaens Orgelwerk „Les Corps Glorieux“ für ein aus sieben Einzelteilen bestehendes monumentales Bildwerk. Die gleiche Titelwahl wirft die Frage nach der Verhältnisbestimmung von Malerei und Musik auf. Geht es, wenn der Titel der gleiche ist, auch um die gleiche Sache, selbst wenn das Medium – hier Musik, dort Bild – ein anderes ist? Gibt es zwischen Musik und Malerei in der Tiefenschicht eine Berührung, oder handelt es sich um zwei getrennte Bereiche? Dies ist, wenn man sich mit Johann P. Reuter beschäftigt, eine Kernfrage. Schon zu einem früheren Zeitpunkt hatte Reuter zu einem Musikstück von Messiaen einen mehrteiligen Bildzyklus geschaffen; auch dies war ein Orgelwerk „La Nativité du Seigneur“ (Die Geburt des Herrn). Der 1989 entstandene Zyklus wurde damals an sieben Orten ausgestellt.

Das Verhältnis von Malerei zu Musik ist in der Kunst der Moderne mehrfach thematisiert worden, etwa bei Gauguin, van Gogh, Delaunay, Paul Klee. Am intensivsten geschah dies wohl bei Kandinsky. Bei seinen Bemühungen, die Wirkungsweise der abstrakten Malerei auf den Betrachter zu beschreiben, bediente er sich der Musik als Analogon. Ähnlich wie die Musik keine mimetischen Inhalte vermittelt, sondern einzig von der Struktur der Komposition und vom Klang her zu verstehen ist, verhält es sich nach Kandinsky auch mit der gegenstandsfreien Kunst: „Die Farbe ist ein Mittel, einen direkten Einfluß auf die Seele auszuüben. Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten. Der Künstler ist die Hand, die durch diese oder jene Taste die Seele in Vibration bringt.“ Bei der Zuordnung von Farben spricht Kandinsky von „Klängen“. Farben werden sogar direkt mit musikalischen Eindrücken in Verbindung gebracht. „Erhöhtes Gelb klingt wie ein in die Höhe gebrachter Fanfarenton.“ Oder: „Musikalisch dargestellt ist helles Blau einer Flöte ähnlich, das dunkle dem Cello, immer tiefergehend den wunderbaren Klängen der Bassgeige; in tiefer, feierlicher Form ist der Klang des Blau dem der tiefen Orgel vergleichbar.“ Bei seinen Bildern spricht Kandinsky von „Kompositionen“, einige freiere abstrakte Bilder seiner Frühphase nannte er „Improvisationen“. Die Beispiele zeigen, daß Kandinskys Vergleich von Malerei und Musik nicht einzig heuristischer Natur ist, um ein besseres Verstehen zu ermöglichen, sondern daß bei ihm das Vermögen zur synästhetischen Wahrnehmung vorliegt, d. h. das Vermögen, bei einem Farbeindruck ein Stück Musik und bei Musik Farbe wahrzunehmen. Auch Olivier Messiaen wird diese Fähigkeit bescheinigt. …

Les Corps Glorieux – Sieben Tafelbilder nach dem gleichnamigen Orgelwerk
von Olivier Messiaen in der Innenstadtkirche St. Ludwig, Darmstadt
vom 8. September bis 3. November 2019

Sonntag, 8. September 2019 um 16.00 Uhr Ausstellungseröffnung
Einführung in die Ausstellung: Dr. Roland Held
17.00 Uhr Konzert – An der Orgel: Jorin Sandau

Textauszug der Einführung

… Johann Peter Reuter ist dem Geist des Messiaen’schen Orgelwerks treu geblieben, indem sein Polyptychon, sein Bild aus vielen Bildern, trotz des gleichbleibenden schmal-vertikalen Stelen-Zuschnitts interne Konflikte übernimmt, statt sie zwanghaft zu harmonisieren. Immerhin hat ja jemand über die Vorlage einmal kokett befunden: „Eine gewisse Dissonanztoleranz ist für den Genuß dieser Musik wohl nötig.“ Kunst ist nicht nur schön, bestätigt Reuter für sein Metier, sondern erfordert viel Arbeit – geistige Anstrengung, um ein Thema erst mal in den Griff zu bekommen, und körperliche Anstrengung, deren Spuren dauerhaft lesbar bleiben sollten. Nichts ist hier mechanisch zugepinselt. Malen heißt für ihn ständiges Zugeben und Wegnehmen, Farbauftrag bald in mit den Fingerspitzen tastbaren Pasten, bald in mehrfachen dünnen Schichten, wo das Betrachterauge öfters von der obersten, spätesten Schicht Luglöcher durchstößt auf die unterste, früheste. Harmonien und Dissonanzen, Fließendes und Stockendes, Gewisper und Gedonner, Formen, die dahingleiten oder dahergaloppieren, Bewegungsimpulse, die sich wie eine Lerche himmelwärts schrauben oder wie ein Karpfen in Teichestiefen abtauchen – sowohl Messiaens „Les Corps glorieux“ als auch deren von Reuter geleistete Übersetzung ins Visuelle halten die Konflikte nicht bloß aus, sondern zehren davon. Und fragte mich einer, was beide Werke am innigsten verbindet, würde ich antworten: eine ungeheure Intensität, so erfahrungsumfassend, daß sie sich zum Feuer der Vision bekennt ebenso wie zur Asche.

©   Dr. Roland Held, Darmstadt 2019